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So alt und doch so neu. Spezifisches Training für Frauen im Triathlon. (Trinews Magazin Ausgabe #12)


In der Medizin ist die Erforschung der Unterschiede zwischen Mann und Frau nichts Neues. Die Forschungsergebnisse über die unterschiedliche Physiologie und Morphologie sind uns auch nicht neu. Dennoch, bei Gesprächen unter KollegInnen, SportlerInnen oder anderen dem Sport zugewandten Menschen, wie TherapeutInnen entsteht das Gefühl, mit der differenzierten Trainingsplanung für Mann und Frau ein komplett neues Thema anzusprechen. Das beinhaltet nicht ausschließlich eine dem Zyklus der Frau angepasste Trainingssteuerung, sondern auch die Notwendigkeit eines erweiterten Blickes auf Material oder Ernährung im Training und im Wettkampf. Mit diesem Artikel möchte ich ein wenig meiner Erkenntnisse und einen kleinen Anriss zu einem großen Thema teilen. Ein Großteil meiner Informationen stammt von Dr. Stacy Sims, die ich auf einer Trainer Konferenz in Colorado persönlich kennenlernen durfte.


Vorab ein wenig Statistik: Frontiers in Physiology veröffentlichte am 24. Juli 2019 eine Studie über Leistungsunterschiede zwischen Frauen und Männern im Triathlon. Je nach Triathlon Bewerb beteiligen sich zwischen 25 und 40% Frauen an den Wettkämpfen. Seit den 90er Jahren geht die Leistungsschere der Geschlechter kontinuierlich zurück. Die Leistungsdifferenz liegt derzeit zwischen 12 und 18% bei Elite und Nicht-Elite Athletinnen auf allen Distanzen zu ihren männlichen Mitstreitern. Daniela Ryf verringerte den Abstand 2018 bei den Langdistanz Weltmeisterschaften auf Hawai’i auf knapp 7% mit einer Zeit von 8:26 und ihrem insgesamt 25. Platz (1. Platz 7:52). Eine separierte Analyse der Weltmeisterschaften in Kona zeigt eine Leistungsdifferenz über 3,8km Schwimmen, 180km Radfahren, 42,195km Laufen und der Gesamtzeit von 12, 15, 18 und 16% respektive. Die unterschiedliche Leistungsfähigkeit ist auf physiologische, morphologische, endokrinologische, sowie psychische und soziale Faktoren zurückzuführen. Aber auch unterschiedliche Wettkampfstrategien oder die Auswirkungen von Wetter, wie Windverhältnisse, werden genannt.


Ich möchte zwei signifikante Unterschiede plakativ nennen. An diesen werden auch die Vorteile eines individuellen Trainings ersichtlich.


Frauen haben ein kleineres Herz und kleinere Lungen. Die Lungenkapazität ist zwischen 25 und 30% geringer. Auch die Atemmuskulatur ist kleiner. Die VO2max Werte von Frauen sind im Schnitt zwischen 15 und 25% geringer. Mit jedem Herzschlag wird weniger mit Sauerstoff angereichertes Blut transportiert. Bei großer Hitze müssen Frauen daher mehr und schneller atmen. Befindet sich eine Frau bei den Weltmeisterschaften in Kona in ihrem Zyklus in jenen Wochen, in denen ihr Progesteron Spiegel erhöht ist, ist ihre Körpertemperatur erhöht und sie beginnt durch das Hormon später zu schwitzen. Weniger Schweiß bedeutet auch weniger Abkühlung. Progesteron sorgt außerdem dafür, dass mehr Natrium ausgeschieden wird und das Blut Volumen sinkt. Hinzu kommt die unterschiedliche Verträglichkeit und Aufnahmefähigkeit von Kohlenhydraten im Darm. Für ein Hitzerennen und eine entsprechende Hydration gilt es daher diese Fakten zu beachten.


Neben Hormonen möchte ich noch einen anatomischen Unterschied herausstreichen. Vor allem deshalb, weil er bereits in der Pubertät oft Probleme verursacht und bei Mädchen und später Frauen zu einer erhöhten Verletzungsanfälligkeit führen kann. Der sogenannten Q-Angle – der Winkel zwischen der Hüfte und dem Knie – ist bei Frauen größer als bei Männern. Beim jedem Laufschritt erfährt das Knie einer Frau eine relativ größere Einwirkung als das Knie eines Mannes. Frauen erleiden häufiger einen Kreuzbandriss als Männer (abgesehen von der Tatsache, dass Sehnen und Bänder bei Frauen in vielen Fällen oft weicher und instabiler sind, bzw. Hypermobilität in Betracht zu ziehen ist). Wichtig ist es daher, an einer stabilen Beinachse zu arbeiten und die Muskulatur der Beine und Hüfte entsprechend auf den Lauf-Impact vorzubereiten.


Es gäbe noch so viel zu besprechen, von der Proteinbiosynthese während des weiblichen Zyklus über die Tatsache, dass viele Frauen zu wenig Kohlenhydrate zu sich nehmen und ihren Fettstoffwechsel, bis hin zu den vielen Auswirkungen, die Östrogen und Progesteron auf die Leistungsfähigkeit haben, über die Unterschiede im Equipment aufgrund unterschiedlicher anatomischer Voraussetzungen oder die Verträglichkeit von Fruktose in Sportgetränken, u.v.m. Jedenfalls aber sollte deutlich werden, dass ein differenziertes Training, sowie angepasste Ernährung und Hydration für Mann und Frau im Triathlon zum neuen Standard werden sollten. Ich freue mich über Fragen, Feedback und Anregungen. Und ich danke meinen Athletinnen für ihre Offenheit zu diesem Thema, da nur so ein spezifisches Training möglich wird.


Ein absolut lesenswerter Bericht von Yvonne van Vlerken gibt einen sehr persönlichen Einblick in den Triathlon Sport aus Sicht einer Profi Athletin.


Katharina Steppan, CEO & Coach | Athletik & Ausdauer Trainerin

Ultimate Sportclub Austria

www.usca.at

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