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Das Ziel vor Augen

7 days to go. Emotionen pur. Es ist, als ob mich ein dickes Stahlseil an einer Winde heranzieht. Jeden Tag dreht sich die Winde ein Stückchen weiter und das Ziel rückt näher. Dieses Ziel habe ich derart verinnerlicht, dass alle Nebengeräusche mit jedem Tag leiser werden. Die letzten Hindernisse werden mühelos umrundet und es stehen nur noch reine Vorfreude und positive Anspannung auf der Gefühlsskala.

Zu Beginn war es ein Traum. Das unendlich weite Meer lag vor mir. Unerreichbar und nur in Umrissen lag dieses Kreuzfahrtschiff am Horizont. Ich setzte die ersten Schritte in den Sand und wollte hinaus aufs offene Meer, in schier unbekanntes Terrain, wissentlich, dass Stürme und Wellen auf mich zukommen werden. Aus Erzählungen der besten Freunde, aus Bildern und Miterlebtem, aus dem Drang, die eigenen Grenzen auszuloten zu wollen, aus den Emotionen eines Tages vor zwei Jahren, entstand der Traum, es selbst zu schaffen, meine erste Langdistanz zu finishen. Dann stand der Plan. Bis ins Detail, mit Spielraum für Ungeplantes und das so oft zitierte 'Körpergefühl'.


Das Umsetzen begann: Schweiß, Müdigkeit, Schmerzen in den Beinen und in der Schulter, Freude, Stolz, Tränen, Tüfteln, Hinterfragen, Umplanen, kurzzeitig sogar Herzrhythmusstörungen, Nächte im Tiefschlaf, Nächte ohne Schlaf, Lachen, neue Freundschaften, stundenlanges Lesen und Musikhören am Bike, kiloweises Wäschewaschen schweißgetränkter Sportklamotten und Handtücher, geniale Gespräche mit den Trainingspartnern, verzweifelte Telefonate mit der kleinen Schwester und den besten Freunden und wundervolle Naturerlebnisse, im Wasser und zu Lande.


Umsetzen heißt, sich überwinden, dran bleiben, die schlechten Tage hinnehmen und weitermachen. Am Traum festhalten. Wellen und Stürme akzeptieren und aus ihnen lernen. Bis sich alles wieder gut und richtig anfühlt ist immer nur eine Frage der Zeit und der Bereitschaft liebevoll mit sich selbst umzugehen.

Die Sehnenscheidenentzündungen heilen lassen und daraus lernen die Laufschuhe rechtzeitig zu wechseln. Das Impingement Syndrom als Anlass nehmen, sauberer zu schwimmen um am Ende noch ein paar Sekunden schneller zu sein. Was weiter wächst ist Vertrauen. Ein tiefes Vertrauen in sich selbst und den eigenen Körper. Ein Vertrauen, dass harte Arbeit, Disziplin und Mut am Ende zu etwas Gutem führen. Und das Vertrauen, dass ich unabhängig vom Ergebnis dieses einen Tages, alles schaffen kann, was ich mir vorgenommen habe. Der Blickwinkel wird enger. Gleichzeitig weiten sich die eigenen Grenzen mit jedem geschwommenen, gefahrenen und gelaufenen Kilometer aus. Stürme und Wellen legen sich und das Vertrauen wächst, das Schiff zu erreichen. Die Vorstellung vom Ziel wird klarer. Ich stelle mir vor, wie es sich anfühlt, anzukommen, wie alles riechen wird, wie der erste Schluck nach dieser langen Reise schmecken wird. Ich grinse über das ganze Gesicht.


Aber eines braucht es - dieses Ziel vor Augen. Das Ziel gehört artikuliert, formuliert und aufgeschrieben. Es muss definiert werden, mit Datum und einer realistischen Umsetzbarkeit. Es braucht einen Plan, inklusive der Steine, die im Weg liegen werden und dem Wissen, dass Situationen kommen werden, von denen man nicht zu träumen wagt. Beispielsweise, dass man zwei Monate lang kein Gas im Haus hat und weder warm duschen noch kochen kann. Aber selbst das ist überwindbar. Kalte Duschen unterstützen die Regeneration und das Essen wird noch bewusster gestaltet.


Es fühlt sich nicht nach Aufopferung oder nach einem ständigen Entbehren der 'schönen Dinge' im Leben an. Es IST das schöne Leben. Es ist wundervoll, nach Hause zu kommen und stolz auf sich sein zu können, das vorher scheinbar unmögliche Training geschafft zu haben. Es ist ein Dankbar sein für seinen gesunden Körper, für die Fähigkeiten und Gene, für die Werkzeuge der Motivation, die einem in die Wiege gelegt wurden. Es ist ein Dankbar sein für meine Eltern, die mich von oben leiten und für alle jene, die mich auf diesem Weg bis ins Ziel begleiten und unabhängig vom Ergebnis dieses einen Tages, auf allen weiteren Wegen an meiner Seite sein werden, mit mir lachen und weinen, mich stützen und schützen. Und vor allem ist es ein Dankbar sein, in einer Welt leben zu dürfen, in der es überhaupt möglich ist, träumen zu dürfen.


Challenge Roth. Du kannst kommen.


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